Zu Nichtwählern

An den Wahlen nehmen immer weniger Menschen teil. Zuletzt in Hamburg gab es wieder sinkende Wahlbeteiligung.

Warum passiert das? Man kann sich mehrere wesentliche Gründe vorstellen, aus denen Menschen nicht wählen gehen.

Der einfachste ist natürlich Faulheit. Der Weg zum Wahllokal ist so weit, es regnet, man möchte lieber etwas anderes tun. Natürlich funktioniert Faulheit nur, wenn der Wert einer Wahlteilnahme als gering angesehen wird. So hat man das Gefühl, die eigene Stimme würde sowieso nichts oder nur wenig ändern. Das Argument ist nicht ganz von der Hand zu weisen. In unserem Wahlsystem bestimmen wir nicht die Listen der Parteien selbst, sondern nur wie viele Sitze einer Liste zugewiesen werden. Es sind viele Stimmen vonnöten, um dabei Veränderungen hervorzurufen. Zudem verhindert die 5%-Hürde, dass Stimmen für Außenseiterparteien sich überhaupt in parlamentarischen Änderungen niederschlagen. Ein Wahlsystem, in dem man als Wähler nicht nur die Liste, sondern auch deren Reihenfolge beeinflussen könnte wäre wahrscheinlich in der Beziehung erfolgversprechender. Ein größeres Parlament würde helfen, dass über einen weiteren Sitz mit weniger Stimmen entschieden wird. Eine Abschaffung oder Absenkung der 5%-Hürde würde auch potentiellen Wählern von Kleinparteien eher das Gefühl geben etwas zu bewegen.

Ein zweiter Grund könnte mangelndes Wissen sein. Zum einen könnten komplizierte Wahlverfahren abschreckend wirken, wenn man nicht ausreichend darüber aufgeklärt ist. Das könnte in Hamburg eine Rolle gespielt haben. Zum andern könnte mangelndes Wissen über Kandidaten und Listen und deren Positionen zur Wahlenthaltung führen. Für beides ist Aufklärung sinnvoll. Beim Wahlverfahren ist zudem möglichst Vereinfachung zu gewährleisten, wenigstens so lange diese nicht im Widerspruch zu anderen Zielen steht. Hilfe bei der Aufklärung über Kandidaten leistet Kandidatenwatch. Wahlversprechen.info bietet Informationen über gebrochene und gehaltene Wahlversprechen in der Vergangenheit. Der Wahl-o-mat hilft einem wiederum, den Grad der Übereinstimmung mit verschiedenen Listen zu überprüfen.

Zwei weitere Gründe sind eigentlich recht entgegengesetzt. Die einen sind zufrieden mit der Politik und sehen in einer Wahlenthaltung ein ‚weiter so‘. Andere wiederum betrachten eine Wahlenthaltung als Protest. Wer hat damit mehr Erfolg? Im Pling-Blog wurde das mal vor der letzten Bundestagswahl durchgerechnet. Das Ergebnis: Nichtwähler unterstützen in erster Linie große Parteien. Im Prinzip ist ein Verzicht zur Wahl zu gehen ein Votum für ein ‚Weiter so‘. Das mag durchaus in Ordnung sein, ist aber sicherlich nicht von jedem intendiert.

Schließlich sehen viele keine großen Unterschiede zwischen den Parteien, betrachten sie als austauschbar. Das stimmt nur bedingt, insbesondere wenn man sich nicht nur auf die fünf Großen beschränkt. Gerade bei den Kleinparteien sind eine Vielzahl unterschiedlicher Positionen vertreten, da sollte für die meisten etwas dabei sein. Wie schon erwähnt, der Wahl-o-mat hilft dabei die eigenen Präferenzen auszukundschaften. Und wer meint, eine Stimme für eine Kleinpartei sei verschwendet, den verweise ich noch mal auf einen älteren Artikel von mir, in dem ich meine Gegenargumente dargelegt habe.


2 Antworten auf „Zu Nichtwählern“


  1. 1 josuach 04. März 2011 um 22:40 Uhr

    Vielleicht ist es kein Protest, vielleicht ist es einfach Ablehnung des Bestehenden? Ich mein, wir erleben jeden Tag im Internet, wie toll, einfach und ohne probleme so ein recht flockiger anarchistischer Ansatz mit punktuellen Elementen partizipativer Demokratie funktioniert.

    Vielleicht gehen die Leute nicht mehr wählen, weil sie etwas zu sagen haben wollen? Mitbestimmen, seine Welt und die rund um einen herum verändern, uns weiterentwickeln, wachsen. Das alles geht mit dieser alten Demokratie nicht mehr. seriosly

    vielleicht bin ich aber auch nur wahnsinnig stoned. oO Vielleicht ist diese Welt mittlerweile auch einfach nur zu komplex, zu dynamisch um ihr mit Wahlen alle vier Jahre gerecht zu werden?

    Wieso sollte Führungspersonal nicht eben so schnell ausgetauscht werden, wie Waren, Güter, Arbeitsplätze, Alltägliches wie Musik? Just-in-Time-Regierungen die sich aus den Netzbürgern zusammensetzen und zu jedem Zeitpunkt und jedem Thema mehrheitsfähige Beschlüsse in Form von croud-reviews und diesem ganzen liquid-democracy-Dingen basteln können. Und und und.

  2. 2 mnementh 04. März 2011 um 23:03 Uhr

    Ich bin auch der Meinung, dass wir mehr Demokratie benötigen, demokratische Reformen. Dazu sollte man aber möglichst die bereits bestehenden demokratischen Mittel ausnutzen. Und wie die Rechnung zu Nichtwählern zeigt, bestärkt man die etablierten Parteien ja noch in einem ‚Weiter so‘.

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