Netzsperren fördern Kinderpornographie

Zugegeben, meine Überschrift ist etwas provokativ. Allerdings nicht unwahr. Ich möchte das näher darlegen.

Derzeit läuft eine Initiative der EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström (die sich nun bereits den Spitznamen Censilia eingefangen hat), die Kinder im Netz besser schützen soll. Neben so manchen guten Ansätzen werden darin aber auch wieder die Internetsperren für kinderpornographische Inhalte aufgewärmt, die in Deutschland derzeit auf Eis liegen. Und als hätte es die Diskussion um das deutsche Netzsperrengesetz nie gegeben, wird mit den bereits widerlegten Argumenten für die Sperren geworben. Auch hier in Deutschland, wo die Journalisten es eigentlich inzwischen besser wissen müssten.

Ich will nicht die Masse der guten Argumente gegen Netzsperren wiederholen, wer diese nachlesen möchte sollte bei Mario Sixtus (ZDF-Blog) oder Christian Stöcker (Spiegel Online) schauen. Die beiden legen die Argumente recht deutlich dar.

Ich habe behauptet Netzsperren fördern die Verbreitung von Kinderpornographie. Zum einen sind Netzsperren unwirksam darin, die Verbreitung der Kinderpornographie einzudämmen. Damit meine ich nicht, dass es total einfach ist die Sperren zu umgehen – dagegen könnte man bessere Technik einsetzen (China verkauft uns sicher seine überlegene Sperrinfrastruktur) und die meisten Menschen haben kein Interesse an einer Umgehung. Vielmehr ist es so, dass nur eine kleine Minderheit von Menschen Kinderpornographie konsumieren. Diese Menschen müssen sich aktiv um den Erwerb der Bilder bemühen, denn im Gegensatz zu Behauptungen findet man eben nicht mit zwei Klicks Kinderpornographie. Wer aber bereits heute so viel Energie investiert um entsprechende Bilder und Videos zu konsumieren, derjenige wird auch in der Lage sein sich im Internet eine Anleitung zur Umgehung der Netzsperren herauszusuchen. Wahrscheinlich werden sogar die Anbieter der Bilder auch entsprechende Anleitungen veröffentlichen. Egal welche Sperrtechnik eingesetzt wird – eine Umgehung wird wohl immer möglich sein.

Mancher mag argumentieren, die Sperren haben einen abschreckenden Effekt. Aber bereits heute gibt es abschreckende Effekte gegenüber kinderpornographischen Inhalten. Der Besitz und die Nutzung entsprechenden Materials ist mit gesetzlichen Strafen belegt. Schlimmer noch: Kinderpornographie trifft auf komplette gesellschaftliche Ablehnung. Wohl kaum ein Täter wird in seinem Bekanntenkreis damit protzen oder es dort zumindestens zugeben. Wer durch diese bisherige Abschreckung nicht von seinem Tun abgehalten wird, der wird auch vor den Internetsperren nicht zurückschrecken.

Bisher zeigt sich, dass Netzsperren die Verbreitung kinderpornographischen Materials nicht hemmen, aber inwiefern wirken sie förderlich? Zum einen können die Listen so sie an die Öffentlichkeit geraten den Konsumenten als Wegweiser dienen. Und die Listen werden über kurz oder lang öffentlich werden, so wie es bisher bei den Ländern mit entsprechenden Sperren bereits der Fall ist. Zudem merken die Anbieter der Inhalte schnell, wenn ihre Seiten entdeckt wurden. Über einen Proxy in den sperrenden Ländern kann schnell und einfach regelmäßig geprüft werden, ob man in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten ist und kann entsprechend reagieren.

Schließlich besteht die ganz große Gefahr mangelnder Strafverfolgung, wenn man die Sperren als Ausrede vorschieben kann. Dazu muss man sagen, dass Deutschland mit zu den Ländern gehört, von denen aus am meisten kinderpornographische Inhalte im Internet verbreitet werden (jedenfalls wenn man die bisher bekannt gewordenen Sperrlisten zu Rate zieht). Man müsste also nicht deutsche Surfer vor ausländischen Inhalten schützen, sondern ausländische Surfer vor deutschen Inhalten. Da helfen aber keine Sperren, sondern ein Durchgreifen gegen die Anbieter und eine Entfernung der Inhalte. Noch mehr gilt dies auf europäischer Ebene, denn auch von anderen europäischen Länder wie Frankreich und der Niederlande aus verbreiten sich kinderpornographische Inhalte. Wie sich in der Vergangenheit bereits gezeigt hat, können selbst Privatleute recht einfach auf eine Löschung der Inhalte hinwirken – auch im Ausland. Die Provider sind meist über entsprechende Hinweise froh. Wie der Verband eco in einer Pressemitteilung verrät, kann die von ihr mitbetriebene Beschwerdestelle erfolgreich Inhalte auch im Ausland entfernen.

Dass es noch so viele Inhalte gibt, zeigt also weniger einen Bedarf für Sperren gibt, als einen mangelnden Einsatz seitens der Strafverfolgungsbehörden. Dies zeigte auch die Aussage von BKA-Präsident Ziercke: Nur noch einmal vom Grundprinzip her: Dass eine Behörde einen Privaten im Ausland auffordert, etwas zu tun, das kann ich schlicht nicht (zitiert via Bericht in Telepolis). Mithin überlässt also das BKA also die Entfernung kinderpornographischer Inhalte also zivilen Institutionen wie INHOPE, oder wie ist das zu verstehen? Netzsperren würden diesen Standpunkt eher befördern, denn immerhin hat man ja etwas getan (was wie zuvor erläutert aber nutzlos ist) und kann daher weitere Aktivitäten vermutlich unterlassen oder mit geringerer Priorität betreiben. Statt Sperren wäre also eine viel sinnvollere Maßnahme, den Austausch von Informationen über gefundene Seiten international zu organisieren, damit die Behörden lokal effektiv dagegen vorgehen können.

Von Befürwortern der Netzsperren wurde manchmal das Argument vorgebracht, die Gegner würden Kinderpornographie als freie Meinungsäußerung ansehen. Das ist sicherlich nicht der Fall, die Sperrgegner sehen aber Gefahren für echte Meinungsäußerungen, und dies auch nicht unbegründet. Tatsächlich aber wird wie hier dargelegt von den Befürwortern der Sperren – sicher: unwissentlich und unwillentlich – die Verbreitung kinderpornographischer Inhalte gefördert. Es wird Zeit sich von den falschen und undurchdachten Folgerungen zu verabschieden und die Netzsperren als Maßnahme zugunsten von sinnvolleren Schritten zu verwerfen.