Archiv für Dezember 2009

Rückkehr der Kopisten?

Im Mittelalter wurden Bücher verbreitet, indem – üblicherweise in Klostern von Mönchen – diese Bücher in mühevoller Handarbeit abgeschrieben wurden. Dieser krisensichere Arbeitsplatz für Hochqualifizierte nennt sich Kopist. Mit dem Aufkommen des Buchdrucks wurden die Kopisten überflüssig.

Wissen steht dank dem Buchdruck und neuerdings modernen Kommunikationsmitteln wie dem Internet in großer Menge, schnell und ohne große Barrieren zur Verfügung. Aber die Verlage – deren gesellschaftliche Aufgabe es ja auch ist, Wissen den Menschen zugänglich zu machen – haben Angst um ihre Gewinne. Daher werden zunehmend Einschränkungen üblich.

So an der Technischen Universität Darmstadt. Dort dürfen die Studenten in der Universitätsbibliothek auf digitalisierte Bücher zugreifen. Allerdings ist dieser Zugriff auf spezielle Terminals der Bibliothek beschränkt. Es durften davon auch nur einzelne Seiten gedruckt werden. Ganz im Gegensatz zu den gedruckten Büchern, die oft in größeren Teilen abkopiert werden, wenn Studenten den Inhalt für ihr Studium benötigen.

Aber selbst dieser eingeschränkte Zugriff auf ihre Werke war einem Verlag zuviel. Er klagte und bekam vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main Recht. Nun dürfen keine Ausdrucke der digitalen Werke mehr erstellt werden. Sollen die Studenten also in Zukunft von den Terminals abschreiben? Dies ist sicherlich der allgemeinen Studiendauer sehr förderlich.

Dies ist natürlich ein immenser Rückschritt für die Akkumulation von Wissen. Umso mehr wird es erforderlich Open-Access-Publikationen zu fördern. Hierbei geht es darum, dass wissenschaftliche Arbeiten auch kostenlos zugänglich gemacht werden sollen. Werke unter Open-Access könnten damit in Zukunft eine Alternative für die durch solche Restriktionen immer unzugänglicheren Schriften darstellen.

Letztens habe ich auf eine E-Petition zur Förderung von Open-Access hingewiesen. Aus dem aktuellen Anlass erneuere ich daher meinen Aufruf diese mitzuzeichnen. Die Petition steht bei derzeit 18.000 Mitzeichnern und läuft noch bis zum 22. Dezember.

(via Gulli, Golem und Heise)

SWIFT-Abkommen muss noch vom Parlament abgesegnet werden

Nach einigen Berichten (bei Heise, Netzpolitik und Gulli) soll das EU-Parlament doch noch die Möglichkeit haben, über das SWIFT-Abkommen zu entscheiden. Dies ist die gute Nachricht. Das Parlament kann den Text aber nur in Gänze ablehnen oder annehmen, Veränderungen am Text sind nicht möglich.

Ausgang der SWIFT-Verhandlungen

Gestern wurde das SWIFT-Datenaustauschabkommen mit den USA von den EU-Innenministern abgesegnet. Ich hatte ja schon im Vorfeld auf die anstehende Abstimmung und die Probleme damit verwiesen.

Was ist also nun das Fazit des gestrigen Beschlusses?

Zuerst einmal ein schwerer Verlust für den Datenschutz und das Bankgeheimnis. Es war eine Sauerei, dass die USA Zugriff auf unsere Überweisungsdaten hatten und eine gute Entscheidung das Rechenzentrum zu verlegen, um den USA den Zugriff zu verweigern. Dies wurde nun leichtfertig von den EU-Innenministern vergeben. Die Begründung ist – wie so oft, wenn Bürgerrechte eingeschränkt werden – der internationale Terrorismus. Doch wiegen mögliche (nicht sichere) Erkenntnisse über Terroristen den Verlust an Privatheit auf, der entsteht wenn die Überweisungsdaten systematisch durchforstet werden? Diese Überweisungen, der Zeitpunkt, ihr Absender und ihr Ziel, der Betrag – all dies sagt einiges über uns aus. Und dies sind ja nicht die einzigen Daten, die über uns gesammelt werden. Diese Daten können mit den anderen Datenbergen kombiniert werden und leuchten unser Leben immer besser aus.

Ein weiteres Fazit ist, welchen starken Willen unsere Führer in den EU-Ländern haben, solche Entscheidungen auch an demokratischen Institutionen vorbei zu tragen. Gestern wurde das Abkommen beschlossen, weil man bereits heute das EU-Parlament hätte darüber mitentscheiden lassen müssen. Wir sollten uns wirklich fragen, warum unsere Regierungen so viel Angst vor der Demokratie haben. Es ist eine Schande für einen Raum, der in demokratischer Hinsicht ein Vorbild für die Welt sein soll. Nun ist es üblich geworden, dass Entscheidungen die im eigenen Land an demokratischen Gremien scheitern über die Bande EU beschlossen werden. Daher ist es dringend Zeit, dass das EU-Parlament endlich in allen Bereichen Entscheidungshoheit bekommt.

Schließlich kann man sich das Verhalten der FDP betrachten, gegen deren Grundsätze dieses Abkommen auf voller Linie verstößt. Deshalb hat sich unsere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger für eine Veto Deutschlands stark gemacht. Dann wäre das Abkommen gestern nicht zustande gekommen. Aber sie hat sich nicht durchsetzen können. Hatte sie zu wenig Unterstützung aus der eigenen Partei? Das Handelsblatt ist dieser Meinung und gibt Herrn Westerwelle die Schuld. Immerhin hätte er als Vizekanzler mit Verweis auf den Koalitionsvertrag ein Veto durchboxen können. Ich weiß nicht, ob Westerwelle tatsächlich über die Macht verfügt, sich gegen die Union durchzusetzen (was allerdings die Frage aufwirft, inwieweit die FDP ihren Wahlversprechen im Bereich Bürgerrechte in dieser Koalition nachkommen kann), aber sein Einsatz war tatsächlich gering. Vielleicht wollte er als Außenminister die Beziehungen zur USA nicht gefährden, die auf das Zustandekommen dieses Abkommens stark gedrängt haben. Genügt dies, um die liberalen Prinzipien der FDP zu ignorieren?