Der Krieg in Afghanistan

Mancher wundert sich sicherlich, wieso ich in diesem Blog bisher nicht über die Affäre um den Luftangriff auf Tanklaster in Afghanistan geschrieben habe. Immerhin ist das Thema heißdiskutiert, es ist ein politisches Thema und passt daher in den Fokus dieses Blogs. Zudem dürfte bereits aufgefallen sein, dass ich der schwarz-gelben Regierung kritisch gegenüberstehe. Daher wäre dieses Thema eine gute Gelegenheit der Regierung eins auszuwischen.

Ich habe dieses Thema bisher ignoriert, weil ich nicht an vollständige Aufklärung glaube. Wie soll man wirklich klären wer was wann wusste (darum geht es in der aktuellen Affäre). Selbst wenn ein Bericht auf dem Schreibtisch von jemandem gelegen hat, hat er ihn wirklich gelesen? Und selbst wenn wir wissen, wer was wann wusste, wissen wir dann ob die getroffenen Entscheidungen korrekt waren? War der Luftangriff nötig, um eigene Soldaten zu schützen? Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit. Dies trifft auch hier zu.

Einig sind sich die Beteiligten anscheinend, dass der Luftangriff mehr als 100 Menschen das Leben gekostet hat. Inzwischen wird auch von der Bundesregierung nicht mehr abgestritten, dass es zivile Opfer gab. Dies können wir also als gesicherte Information ansehen. Unabhängig von der Frage, ob der Angriff gerechtfertigt war, sehe ich bei diesen Fakten aber auch die Pflicht, uns beim afghanischen Volk für diesen Angriff zu entschuldigen. Immerhin geht es für diese Menschen um ihr Leben oder das ihrer Familien und Freunde. Ich bin da auch ein wenig von unseren Medien enttäuscht, die zusammen mit den Politikern lieber Akten wälzen und an den Stühlen von Ministern sägen. Die Berichterstattung über die Folgen des Krieges beim afghanischen Volk tritt in den Hintergrund (eine Entschuldigung an alle Reporter, die sich gegen diesen Trend stemmen und die ich übersehen habe).

Einen Krieg zu führen ist eine schwere Entscheidung. Entgegen all dem Gequatsche von humanitärer Kriegsführung, Schonung der Zivilbevölkerung und ähnlichem ist ein Krieg desaströs für das betroffene Land. Es sterben Menschen. Es gibt auch immer zivile Opfer, entgegen allen Bemühungen. Ich wüsste von keinem Krieg in der Geschichte, in dem sich zivile Opfer wirklich vermeiden ließen. Unter der Bevölkerung verbreitet sich Angst. Die staatliche Ordnung zerfällt und Anarchie und Kriminalität greifen um sich. Auch die Infrastruktur wird zerstört. Selbst wenn Straßen und Brücken intakt bleiben, wird der Transport abnehmen. Dies führt zu zusammenbrechender Wirtschaft und teilweise zu Hungersnöten und medizinischer Unterversorgung.

Wer angesichts all dieser ‚Nebenwirkungen‘ den Krieg als ein Heilmittel verkaufen möchte, der muss schon eine sehr schlimme Krankheit bekämpfen. Sicher, die Taliban führten ein schlimmes Regime. Aber geht es den Menschen in Afghanistan jetzt wirklich besser? Und vor allen Dingen: gab es keine anderen Lösungen?

Nicht dass ich glaube, ein sofortiger Rückzug wäre jetzt eine angemessene Lösung. Wir greifen ein Land an, zerstören dort die bestehenden Strukturen und dann verziehen wir uns und lassen die Bevölkerung mit dem angerichteten Schaden allein? Das kann auch nicht die Lösung sein. Aber wir sollten einen klaren Plan entwickeln, wie wir die Verwaltung des Landes dem Volk wieder in die Hand geben. Und wir sollten wenigstens finanzielle Unterstützung leisten.

Vielleicht lenkt die Diskussion um den Luftangriff die Aufmerksamkeit auf den Schaden den wir angerichtet haben. Vielleicht kommt es in der Folge zum Bewusstsein, dass wir Verantwortung für die Folgen des Krieges tragen. Dies wäre wünschenswert. Ob dafür Minister und Generäle ihre Posten räumen müssen ist eher zweitrangig (ich habe ja den Rücktritt von Jung begrüsst, allerdings nicht wegen der Affäre, sondern weil ich Jung als Minister grundsätzlich als ungeeignet ansehe).

Übrigens, der Krieg in Afghanistan wurde damals unter rot-grünen Regierung begonnen.

Update: Kaum fordere ich eine Entschuldigung für den Angriff, schon muss ich lesen, dass eine Entschädigung von 3 Millionen Euro an die Hinterbliebenen gezahlt werden soll. Das ist sehr lobenswert, auch wenn es anscheinend erst durch eine Klageandrohung durchgesetzt wurde.