Wikipedia: Krise? Welche Krise?

Ich war gestern auf der Diskusionsveranstaltung zur Relevanz in der Wikipedia. Inzwischen gibt es bereits diverse Berichte von der Veranstaltung und Meinungen über deren Ergebnisse: von Fefe der die Veranstaltung via Stream verfolgte, von Simon Columbus auf Gulli der den Text nicht weit von mir in seinen Laptop hämmerte, von Jürgen Fenn auf Schneeschmelze und von Textberater.

Anhand dieser Berichte kann ich schon mal sagen: Es hat sich auf jeden Fall gelohnt persönlich zu kommen, denn der Stream war wohl grottig. Selbst im zweiten Raum (die Verhältnisse waren beengt, daher waren die Besucher in zwei Räume verteilt worden) hat man wohl nicht alles mitbekommen, immer wieder erschallte von dort der Ruf, lauter ins Mikrofon zu sprechen. Ich war recht frühzeitig da, weshalb ich noch Platz im ersten Raum fand.

Das Podium war besetzt mit Leon Weber (langjähriger Admin der Wikipedia, zuletzt wohl etwas inaktiv), Johnny Haeusler (Autor von Spreeblick), Martin Zeise (Autor und Administrator in der Wikipedia) und Pavel Mayer (Blogautor). Durch die Veranstaltung führte Pavel Richter, Geschäftsführer der Wikimedia Deutschland. Auch das Publikum war besetzt mit einigen Netz- und Wikipediagrößen. So waren die bekannten Wikipedianer Kurt Jannson und Henriette Fiebig dort. Martin Haase und Frank Rieger vom CCC waren gekommen, ebenso der Journalist Burkhard Schröder, Anne Roth (Annalist) und Christian Bahls vom Verein Mogis (um den Wikipedia-Eintrag zu diesem Verein ist die Diskussion entbrannt).

Zuerst wurden den Podiumsmitgliedern vom Moderator ausgewählte Fragen zugeworfen, die ihre Person ein wenig einführen sollten. Das fand ich persönlich etwas unnötig, selbst wenn man die konkrete Person nicht kannte, so charakterisiert sie sich im Laufe einer solchen Veranstaltung doch am Besten durch ihre Haltung und ihre Aussagen. Dann wurde auch mit Beteiligung des Publikums das Problem beleuchtet und schließlich wurden Vorschläge zur Verbesserung gesammelt. Leider gab die Art der Veranstaltung keine echte Diskussion her. Da man auf eine Wortmeldung erst dann das Mikrofon erhielt, wenn die vorherigen Meldungen abgearbeitet waren, war es praktisch unmöglich auf Beiträge anderer zu reagieren. So entstand ganz selten eine echte Diskussion, diese meist geführt durch Zwischenrufe.

Ich erwähne mal kurz einige – aus meiner Sicht – bedeutende EinzelbeiträgeLeon Weber wollte allgemein die Relevanzkriterien anpassen, ohne sie ganz abzuschaffen. Pavel Meyer möchte die Leser stärker in Entscheidungsstrukturen einbinden, statt wie bisher die Entscheidungen den Wikipedianern zu überlassen. Johnny Häusler vermisste eine Art Transparenz/Identität bei den Admins. Auch fehlte ihm eine einfache Ansprechmöglichkeit. Natürlich ist beides vorhanden, nur nicht so einfach erkennbar für nicht Eingeweihte. Kurt Jannson meinte die Relevanzkriterien seien nötig, um die Artikelzahl nicht so ausufern zu lassen, dass eine Pflege des Artikelkorpus unmöglich würde. Burkhard Schröder meint der Durchschnitt würde sich auf die Dauer durchsetzen und möchte eine Möglichkeit schaffen, dass (externe) Experten Artikel zu ihren Themen beobachten können. Annalist verglich die Situation der deutschen Wikipedia mit dem Niedergang der deutschen Indymedia. Die Probleme sind ihrer Meinung nach ähnlich. Martin Haase, Frank Rieger und ich wiederholten im Wesentlichen, was wir bereits in unseren jeweiligen Blogs geschrieben hatten.

Die Vielfalt der Meinungen war groß, es zeigte sich auch, dass die Gegner strenger Relevanzkriterien keine homogene Meinung vertreten. Vielmehr ist dort eine Vielzahl von Meinungen vertreten, die sich nur in dem Punkt einig sind, dass es so wie bisher nicht weiterlaufen kann in der Wikipedia. Einige Punkte wurden jedoch immer wieder in der einen oder anderen Form angesprochen, da scheint es gemeinsame Problemwahrnehmung zu geben.

So beklagten nicht wenige die generelle Nerd-Lastigkeit der Wikipedia. Burkhard Schröder sprach vom gesunden Nerdempfinden, das sich im Endeffekt im Artikelinhalt durchsetzt. Johnny Haeusler sprach über das abschreckende Interface und erwähnte, dass der Artikel über Star Wars länger sei als der über Gott. Das ist nicht von der Hand zu weisen: Man sah viele Laptops und langhaarige junge Männer. Die beiden einzigen (!) Wortmeldungen von Frauen beklagten auch beide die Stellung von Frauen in der Wikipedia. Auch dies kann man zur generellen Nerdigkeit zurechnen. Und es wurde erschreckend klar, dass sie Recht haben. Nicht nur gab es kaum Wortmeldungen von Frauen, es waren nahezu keine Frauen anwesend. Anscheinend wirkt die Wikipedia generell abschreckend auf Frauen.

Aus der schweren Nerdlastigkeit resultiert wohl das zweite häufig angesprochene Problem (oder verursacht dieses Problem die Nerdlastigkeit?): Die Benutzerschnittstelle ist nicht zeitgemäß und für weniger computeraffine Menschen kaum benutzbar. Angesprochen wurden Bearbeitungskonflikte bei stark editierten Diskussionen oder Artikeln, die händische Einrückung, Zitierformatierung und Signierung von Diskussionsbeiträgen, die vielen Formatierungen in Artikeln, die eine Bearbeitung abschreckend machen. Dass Johnny Hauesler weder eine Möglichkeit zur Hilfe fand, noch ein Profil der Arbeit von Wikipedia-Administratoren ist ebenfalls als eine Schwäche des Interface anzusehen. Daher gab es auch eine Reihe von Vorschlägen, wie die Webseite technisch überarbeitet werden soll. Angesichts dessen, wie lange ich beispielsweise auf Features wie gesichtete Versionen warten musste, bin ich aber skeptisch, was die schnelle Durchsetzbarkeit von Softwareänderungen angeht. Das was hier am Besten funktionieren könnte ist eine externe Neuentwicklung der Software, die dann an die Wikipedia gespendet wird. Wer möchte ein solches Projekt starten?

Generell wurden oft zu hohe Einstiegshürden beklagt. Und da schließt sich der Kreis zur Relevanzdiskussion, denn auch die schnell in einem Artikel landenden Löschanträge stellen eine Einstiegshürde für Neuautoren dar. Wenn die eigene Arbeit nach kurzer und oft rabiat geführter Löschdiskussion im Orkus wiederfindet, dann hat die Wikipedia diesen Autor wahrscheinlich zum letzten Mal gesehen. Da benötigt man schon ein dickes Fell, um das wegzustecken. Hier könnte die Idee weiterhelfen, dass man in Entscheidungen stärker die Leser statt der alteingesessenen Editoren der Wikipedia einbindet. Unter diesen findet man nämlich die potenziellen Autoren, die aber durch die bestehenden Hürden von der Mitarbeit abgehalten werden.

Und wird nun etwas passieren? Da lässt mich die gestrige Veranstaltung äußerst skeptisch zurück. Die wenigen anwesenden aktiven Wikipedianer ließen allesamt ein mangelndes Problembewußtsein durchscheinend. Erschreckend auf den Punkt gebracht wurde dies durch Kurt Jannsons Kommentar: ‚Crisis?`What crisis?‘, den ich auch als Artikeltitel gewählt habe. Damit stand er nicht allein unter den Wikipedianern. Es wird anscheindend mehr als eine kurze Aufregung in der Blogosphäre gesehen, die ja im Endeffekt selbst irrelevant sei. Als Beweis führte Jannson die fehlende kritische Berichterstattung in den klassischen Medien an. Burkhard Schröder korrigierte diese Sicht ein wenig, er meinte es gebe nur deshalb keine kritische Berichterstattung in der Presse, weil die Krise kritischen Journalismus noch größer sei, als die Krise der Wikipedia. Wenn ich sehe, dass bei Schäubles Ernennung zum Finanzminister nur ein ausländischer Journalist auf dessen Verwicklung in den CDU-Spendenskandal hinweist, dann bin ich geneigt Schröder zuzustimmen.

Mein Fazit der gestrigen Veranstaltung wäre, dass einige Probleme benannt wurden auch wenn ich noch keine zielführenden Lösungsansätze sehe. Leider besteht in der Wikipedia kein Reformwille, weshalb eine Reform wohl durch externe Projekte an die Wikipedia herangetragen werden muss. Und dies ist bitter nötig, denn auch wenn ich die Wikipedia nicht kaputt gehen sehe, so sehe ich doch einen starken Dämpfer für die Vision freien Wissens, wenn hier nichts passiert.

Nachtrag: Ganz vergessen. Fefe berichtet in seinem Blogeintrag darüber, dass Markus Kompa von Heise kurz vor der Veranstaltung Hausverbot durch die Wikimedia erhalten hat. Ich kenne die Hintergründe nicht, dennoch wirkt dies etwas unsouverän.

Update: Auch aus dem Wikimedia-Blog nun ein Fazit.

Update 2: Simon Columbus hat einen zweiten Artikel auf Netzpolitik veröffentlicht.

Update 3: Johnny Haeusler hat auch seine Eindrücke niedergeschrieben.

Update 4: Jetzt reichts dann aber mit Nachschlägen zur gestrigen Diskussion. Mit großen Tönen wird die Wikipedia zum Sterben aufgerufen – abseits der martialischen Rhethorik ist der Beitrag durchaus lesenswert. Annalist erklärt ihren Vergleich mit Indymedia näher. Und im Freitag gibt es auch nochmal eine Auswertung.


10 Antworten auf „Wikipedia: Krise? Welche Krise?“


  1. 1 Kurt Jansson 06. November 2009 um 16:05 Uhr

    Hallo Mnementh, Du fragst: „Und wird nun etwas pas­sie­ren?“ Meine Prognose:

    „Nun“ wird sicher nichts passieren. Es gibt keine akute Krise, in der sich das Projekt befindet, welche schnelles Handeln erforderlich machen würde.

    Mittelfristig wird die Wikipedia benutzerfreundlicher werden. Die Usability Initiative der Wikimedia Foundation wird
    ein tauglicheres Interface hervorbringen. Die Liquid Threads werden irgendwann kommen, so dass die Diskussionsseiten nicht mehr so fürchterlich krückenhaft wirken wie zur Zeit. Beides wird neuen Autoren das Leben etwas einfacher machen.

    Langfristig werden die Relevanzkriterien in bestimmten Bereichen etwas sinken, so die Community das Gefühl hat, sich mehr Kontroll- und Wartungsarbeiten aufbürden zu können – weil die Software dies einfacher macht, oder auch weil mehr Leute bereit sind, in diesem Bereich Kärnerarbeit zu leisten.

    Wenig Hoffnung habe ich leider bei der Verbesserung des allgemeinen Umgangstons. Die Community zeigt seit längerer Zeit für dieses Problem wenig Sensibilität, die Masse der Durchschnittsautoren sogar noch weit weniger als die Administratoren (vgl. entsprechende Benutzersperrverfahren).

  2. 2 kopfschüttel 06. November 2009 um 19:30 Uhr

    Kurt Jansson, ist dir eigentlich „Comical Ali“ ein Begriff?

  3. 3 mnementh 06. November 2009 um 19:35 Uhr

    Ich bin mir bewusst, dass die Wikipedia nicht untergehen wird. Insofern ist es vielleicht gerechtfertigt, eine Krise zu leugnen. Nur das Problem ist, dass es noch viele Menschen gibt, die Wissen beitragen können, aber durch die derzeitigen Hürden abgeschreckt. Ob dies nun technische Hürden oder soziale sind. Der Umgangston, Löschungen wegen Irrelevanz, das Interface und vieles mehr sind da konkrete Hindernisse.

    Es ist ja schön das Interface-Änderungen angegangen werden, aber es scheint wie üblich beim Mediawiki mit der atemberaubenden Geschwindigkeit einer Kontinentalverschiebung voranzugehen.

    Und diese technischen Lösungen sollten keine Ausrede sein die anderen Bereiche zu vernachlässigen. Wieso schreiben so wenige Frauen in der Wikipedia? Wegen dem Interface? Wieso so wenige ältere Menschen?

    Wikipedia schmort zunehmend im eigenen Saft. Die etablierten Autoren tragen sicherlich fleißig bei, aber der Zustrom neuer Autoren schwindet immer mehr. Ein Problembewußtsein sehe ich auch in Deinem Kommentar nicht. Deshalb sehe ich immer noch die Zukunft der Wikipedia außerhalb derselben.

  4. 4 Benutzer:Hella 06. November 2009 um 20:47 Uhr

    Da will ich mal Kurt Janson zustimmen. Es gibt keine akute Krise.

    Das ist eine chronische Krise, die jetzt mal richtig übergekocht ist. Man kann nur hoffen, dass jetzt mal jemand die Temperatur endlich runterdreht …

    Schreibt: ein Wikimedia-Mitglied von Anfang an (mit Wikipedia-Account von 2003. Nur aktiv bin ich nur noch selten… ).

  5. 5 Michael Kostic 07. November 2009 um 1:26 Uhr

    Was bisher wenig thematisiert wurde ist der Umstand, dass zu den offensichtlichen Problemstellungen alle Wiki-Regeln samt und sonders auf den ursprünglichen Sinn und Zweck den „Aufbau“ ausgerichtet sind. Selbst im Kompass2020 geht es nur und einzig um Aufbau.

    Doch eben diese Zeiten sind längst vorbei. 1.000.000 Einträge. Wieso, ich ärgere mich jetzt genau dies nicht vor Ort gefragt zu haben, darf noch heute „Hinz und Kunz“ den Artikel über sagen wir mal Adolfs Köter ändern/manipulieren?

    Warum setzt man da nicht ganz billig einen Marker und sagt: „Wenn Du diesen Artikel ändern möchtest (warum auch immer), dann melde dies bitte bei dem und dem Admin an, der wird dann deinen Änderungswunsch schnellst möglich bearbeiten.“ Bzw. „Mit Beschwerden über untätige Admins wendest Du dich bitte an:…“

    Die Wikimedia sollte lernen das sie sich in einer Transformation zur ruhigen Pflege und kontrollierten Ausbau des Bestandes befinden sollte, nicht nach wie vor im zwanghaften Aufbau stagnieren und alles löschen was da nicht hineinpasst…

  6. 6 32X 29. Januar 2010 um 13:27 Uhr

    Michael Kostic: Die These „zu allen wichtigen Dingen gibt es bereits einen Artikel‟ wurde schon beim einmillionsten Artikel der englischsprachigen Wikipedia kund getan, inzwischen hat sie über 3 Millionen. Der Aufbau geht natürlich weiter, und ich als Admin wie als Autor freue mich, wenn unangemeldete oder neue Benutzer Fehler korrigieren, die durch mich unbeabsichtigt eingebracht wurden. Ich hatte dies schon mehrfach bei kleinen Rechtschreib- sowie faktischen Fehlern gesehen und fände es überaus abschreckend, wenn man mich oder einen der wenigen anderen Admins erst um Korrektur bitten müsste. Das wäre nicht mehr Wikipedia.

  1. 1 Wikimediarelevanz : Burks' Blog Pingback am 06. November 2009 um 18:26 Uhr
  2. 2 Wikipedia: Pavel Richter ist ein Riesen-Admin! » Rechtsanwalt Markus Kompa - Blog zum Medienrecht Pingback am 07. November 2009 um 2:19 Uhr
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